Newgrange und die Wintersonne
Newgrange ist ein Ganggrab: ein großer runder Hügel mit einem Gang und einer Kammer in der irischen Grafschaft Meath, mehr als 5000 Jahre alt. Um die Wintersonnenwende fällt das erste Sonnenlicht durch eine Öffnung über dem Eingang, die sogenannte Roof Box, bis auf den Boden der Kammer. Hier siehst du, wie das geometrisch funktioniert, was wir wissen und was nicht.
Wo du stehst
Newgrange liegt etwa 50 km nördlich von Dublin. Es ist ein runder Hügel mit einem einzigen, 19 m langen Gang, der zu einer Kammer führt. Der Eingang liegt auf der Südostseite. Über dem Eingang befindet sich die Roof Box, eine Öffnung, durch die das Licht der aufgehenden Wintersonne über den Boden des Gangs bis in die Kammer fällt.
In der Horizontansicht unten stehst du am Eingang und blickst nach Südosten. Der Hügel mit dem Gang liegt hinter dir. Der Grundriss ist ein Schema und nicht maßstäblich; nur die Länge des Gangs und seine Richtung stammen aus den Quellen.

Newgrange am 21. Dezember 2018, zur Wintersonnenwende, von Südosten gesehen. Links der Eingang; darüber die Roof Box.
Foto: Warren LeMay, CC0 (gemeinfrei), über Wikimedia Commons.
Der Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende, maßstabsgetreu
Die Ansicht zeigt den Horizont im Südosten, 32° breit und 8,7° hoch, mit der Sonne in wahrer Größe (0,53°). Wähle ein Jahr und schiebe durch die Tage um die Sonnenwende. Das orangefarbene Band zeigt die Richtungen, aus denen der Gang Licht bis in die Kammer lässt. Uhrzeiten zeigen wir nicht; es geht um die Richtung.
3150 v. Chr., am Tag der Sonnenwende: Das erste Licht fällt auf den Rand des Gangs, etwa 1′ außerhalb, innerhalb der Messunsicherheit; das Licht gelangt in die Kammer fast sofort beim ersten Licht.
- Deklination der Sonne
- −24,036°
- an der Sonnenwende: −ε = −24,036°
- Azimut des ersten Lichts
- 133°48′
- Oberrand bei 55′; Ray: 133°54′ ± 4′ (−6′)
- Sonnenhöhe beim Erreichen des Gangs
- 0,19°
- Mittelpunkt der Sonnenscheibe, wahre Höhe (ohne Refraktion); beim ersten Licht 0,17°
Was wir wissen und was nicht
- Gesichert: Um die Wintersonnenwende fällt das Licht durch die Roof Box und über den Gang in die Kammer. O’Kelly sah es am 21. Dezember 1969 etwa 17 Minuten lang (O’Kelly 1982).
- Gemessen: Ray (1989) fand für den Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende zur Bauzeit ein Azimut von 133°54′ ± 4′, bei einer Schiefe der Ekliptik von 24°2′ und einem Horizont von 55′ ± 2′. Die Bauzeit wird auf 3150 ± 100 v. Chr. datiert (Radiokarbondatierung).
- Weitgehend anerkannt: Die Ausrichtung war beabsichtigt (Patrick, Ray, Stout).
- Umstritten: ob die Roof Box original ist oder teilweise auf die Rekonstruktion durch O’Kelly zurückgeht (siehe Hensey, 2017), und ob die Ausrichtung Zufall sein könnte (Heggie, 1981: etwa 1/13; Ray, 1989: die Wahrscheinlichkeit ist mindestens halb so groß).
- Unsere Berechnung sagt, was geometrisch möglich war. Im Jahr 3150 v. Chr. fiel das erste Licht um die Sonnenwende genau auf den Rand des Lichtbands: nach unserer Rechnung knapp außerhalb, nach Ray knapp innerhalb, beides innerhalb der Messunsicherheit. Kurz danach, wenn die Sonne höher steht, erreicht das Licht die Kammer sehr wohl. Heute fällt das erste Licht mehr als ein Grad neben das Band. Über die Absicht der Erbauer und darüber, ob die Ausrichtung Zufall ist, sagt die Berechnung nichts.
Unsere Berechnung
| Ort | 53°41′41″ N (53,6947°) |
|---|---|
| Schiefe der Ekliptik | IAU 2006 (P03); geprüft mit Laskar (1986): 8″ Unterschied im Jahr 3150 v. Chr. |
| Sonnenlänge | Kepler-Bahn mit der Exzentrizität und dem Periheldurchgang der jeweiligen Epoche (3150 v. Chr. im Oktober, heute im Januar) |
| Horizont | 55′ ± 2′ (Ray), flach |
| Erstes Licht | Oberrand der Sonne am Horizont, Refraktion bei 1010 mbar und 0 °C (wie bei Ray) |
| Ergebnis | 133°48′ (Ray: 133°54′ ± 4′) |
| Empfindlichkeit | Horizont 53′ ergibt 133°43′, 57′ ergibt 133°52′; bei 10 °C kommen etwa 2′ hinzu |
Uhrzeiten zeigen wir nicht: Die Unsicherheit der Erdrotation (ΔT) ist für 3150 v. Chr. zu groß. Das Azimut ist davon nicht betroffen.
Wie wir rechnen
An der Wintersonnenwende entspricht die Deklination der Sonne, mit negativem Vorzeichen, der Neigung der Erdachse (der Schiefe der Ekliptik). Diese betrug 3150 v. Chr. 24,04° und beträgt heute 23,44°. Wir berechnen sie mit der IAU-2006-Formel und prüfen sie mit der Formel von Laskar (1986); beide unterscheiden sich um 8 Bogensekunden.
Der Rechenkern, mit dem diese Website an anderer Stelle die Planeten berechnet, ergibt für die Sonnenwende von 3150 v. Chr. eine Deklination von −23,91° statt −24,04°, weil ihr vereinfachtes Bahnmodell die Kippung der Erdbahnebene über so lange Zeit nur teilweise nachvollzieht. In Newgrange liegt das Azimut dadurch 17′ zu niedrig. Deshalb rechnen wir hier mit einem eigenen Sonnenmodell. Schalte „Ergebnis des Rechenkerns ohne Korrektur zeigen“ ein, um den Unterschied zu sehen.
Unser Ergebnis liegt etwa 6′ unter dem von Ray, knapp außerhalb seiner Spanne von ± 4′. Ray rechnete mit demselben Horizont und derselben Refraktion (1010 mbar, 0 °C), der Unterschied liegt also nicht dort. Wie er die Sonnenscheibe behandelte und welche Koordinaten er verwendete, steht nicht in dem Nachdruck, den wir gelesen haben; woher der Unterschied kommt, wissen wir deshalb nicht.
Quellen
- J. Patrick, Midwinter sunrise at Newgrange, Nature 249, 517–519 (1974). nature.com
- T.P. Ray, The winter solstice phenomenon at Newgrange, Ireland: accident or design?, Nature 337, 343–345 (1989). Zahlen im Nachdruck auf newgrange.com gelesen. nature.com
- M.J. O’Kelly, Newgrange: Archaeology, Art and Legend, Thames & Hudson (1982).
- R. Hensey, Rediscovering the Winter Solstice Alignment at Newgrange, Ireland, in: The Oxford Handbook of Light in Archaeology, Hrsg. C. Papadopoulos und H. Moyes, Oxford University Press (2017), S. 140–163, zur Roof Box und ihrer Rekonstruktion. Die Positionen von Patrick, Ray und Stout sind zusammengefasst in Archaeology Ireland, Winter 2017. doi.org
- J. Laskar, Secular terms of classical planetary theories, Astronomy & Astrophysics 157, 59–70 (1986). ui.adsabs.harvard.edu
- N. Capitaine, P.T. Wallace, J. Chapront, Expressions for IAU 2000 precession quantities (P03), Astronomy & Astrophysics 412, 567–586 (2003). doi.org
- J. Meeus, Astronomical Algorithms, 2. Auflage (1998).
- D.C. Heggie, Megalithic Science, Thames & Hudson (1981), zitiert nach Ray (1989).
Was die Quellen sagen und was wir selbst berechnen, halten wir getrennt. Siehe auch den Himmelskalender für die Sonnenwenden dieses Jahres.
Weitere Monumente
Noch nicht verfügbar:
- Maeshowe (Schottland)
- Stonehenge (England)
- Goseck (Deutschland)