Yacana, das Himmelslama
In den Anden steht ein Lama am Himmel. Es besteht nicht aus Sternen, sondern aus Schatten: Sein Körper ist eine dunkle Bahn in der Milchstraße zwischen dem Kreuz des Südens und dem Skorpion, und seine Augen sind die beiden hellen Sterne Alpha und Beta Centauri. Unter ihm läuft sein Junges.
Die Milchstraße heißt dort Mayu, der Fluss, und die Tiere laufen an diesem Himmelsfluss entlang. Diese Seite folgt der Feldforschung des Anthropologen Gary Urton in Quechua-Dörfern bei Cusco (Veröffentlichungen von 1981 und 1982), wie sie in späterer Literatur zusammengefasst wurde.
So liegt Yacana in der Milchstraße

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Yacana und ihr Junges, Yutu im Kohlensack und Atoq, der Fuchs, als gepunktete Linie um die dunklen Wolken, mit den Augen des Lamas. Es ist unsere Skizze: Die Überlieferungen haben keine feste Zeichnung. Hanp'atu und Mach'acuay sind hier nicht eingezeichnet.
Die dunklen Tiere
Nach Urton sahen seine Quechua-Gesprächspartner sechs Tiere in den dunklen Wolken der südlichen Milchstraße, zwischen Schild und Großem Hund, und ein zweites Tinamu. Die Schreibweise der Namen unterscheidet sich je nach Quelle.
- Yacana, das Lama: zwischen dem Kreuz des Südens und Epsilon Scorpii. Ihre Augen sind Alpha und Beta Centauri.
- Uñallamacha, das Lamajunge: unter der Mutter, an ihrer Brust.
- Yutu, das Tinamu (ein rebhuhnähnlicher Vogel): der Kohlensack, unter dem Kreuz des Südens.
- Hanp'atu, die Kröte: beim Kreuz des Südens.
- Mach'acuay, die Schlange: zwischen Adhara im Großen Hund und dem Kreuz des Südens.
- Atoq, der Fuchs: zwischen dem Schwanz des Skorpions und dem Schützen.
- Ein zweites Yutu steht im Sternbild Schild.
Mayu, der Himmelsfluss
Die Milchstraße heißt Mayu, der Fluss, und ist das himmlische Gegenstück zum Vilcanota, dem Fluss bei Cusco. Das Wasser, das auf der Erde fließt, ist nach dieser Vorstellung dasselbe Wasser, das im Himmelsfluss fließt, und es kehrt in der Regenzeit zur Erde zurück (Magli 2005).
Die dunklen Wolken gehören zur Regenzeit, von Oktober bis April. Nach Urton wurde und wird die Dunkelheit der Wolken genutzt, um vorherzusagen, wie viel Regen fällt und wie die Aussaat gelingt (Magli 2005).
Woher wir das wissen
Chronisten aus der Zeit der spanischen Eroberung, etwa Garcilaso de la Vega, schrieben schon, dass die Inka Tiere am Himmel sahen, im Bereich der Milchstraße. Lange suchte man aber vergeblich nach Sternbildern im Sinne von Linien zwischen Sternen. Urtons Feldforschung in den Quechua-Dörfern Sonqo und Misminay, etwa 50 Kilometer von Cusco entfernt, löste das Rätsel: Die Tiere sind keine Sternmuster, sondern schwarze Gebiete der Milchstraße (Magli 2005).
Das Lama und der Fuchs sind nach Magli sicher dieselben, die die Inka vor mehr als sechshundert Jahren sahen, mit Verweis auf Bauer & Dearborn (1995).
Dieselben Schatten, ein anderes Tier
Der Emu der Aboriginal-Völker in Australien und das Lama der Quechua in den Anden liegen in denselben dunklen Bahnen derselben Milchstraße. Es sind zwei Geschichten über dieselben Schatten, erzählt von Völkern, die weit voneinander entfernt lebten.
Ehrlich gesagt: Was du hier liest
Das sind lebendige Überlieferungen von Quechua-Gemeinschaften, und die Geschichten unterscheiden sich von Dorf zu Dorf und von Quelle zu Quelle. Was hier steht, ist eine kleine Auswahl dessen, was in wissenschaftlichen Veröffentlichungen festgehalten wurde. Der Umriss ist unsere eigene Skizze: Es gibt keine feste Zeichnung von Yacana.
Von Cusco aus, auf etwa 13,5 Grad südlicher Breite, stehen diese Tiere hoch am Himmel. Von Europa aus ist der Kohlensack nie zu sehen, und der Körper des Lamas beim Skorpion kommt kaum über den Horizont.
Quellen
- Magli, G. (2005). On the astronomical content of the sacred landscape of Cusco in Inka times. Nexus Network Journal 7, 22-32. arxiv.org/abs/physics/0408037
- Urton, G. (1982). At the Crossroads of the Earth and the Sky: An Andean Cosmology. University of Texas Press, Austin (zitiert von Magli).
- Urton, G. (1981). Animals and Astronomy in the Quechua Universe. Proceedings of the American Philosophical Society 125(2), 110-127. dash.harvard.edu/handle/1/33703660
- Troche, K. (aktualisiert 2025). August's Night Sky Notes: The Great Rift. NASA Night Sky Network (Augen und Junges von Yacana; verweist auf das Smithsonian National Museum of the American Indian, Inka Road). science.nasa.gov/solar-system/skywatching/night-sky-network/augusts-night-sky-notes-the-great-rift/
- Bauer, B. & Dearborn, D. (1995). Astronomy and Empire in the Ancient Andes. University of Texas Press, Austin (zitiert von Magli).
- Foto: ESO/S. Brunier, Ausschnitt und bearbeitet, Lizenz CC BY 4.0. eso.org/public/images/eso0932a