Antinoos: ein verschwundenes Sternbild für Hadrians Geliebten
Jahrhundertelang hing ein junger Mann unter dem Adler (Aquila) in den Sternatlanten. Antinoos ist kein Mythos, sondern ein wirklicher Mensch: der junge Geliebte des Kaisers Hadrian. Sein Sternbild ging im 19. Jahrhundert wieder in Aquila auf.

Antinoos mit Bogen und Pfeilen unter dem Adler, auf Karte 13 von Urania's Mirror (Sidney Hall, London, 1825). Oben links der Delphin.
Tafel: Sidney Hall, Urania's Mirror (1825), Karte 13, Library of Congress (cph.3g10062), gemeinfrei; Ausschnitt von uns. Datei auf Wikimedia Commons. Digital restauriert von: Adam Cuerden.
Ein wirklicher Junge
Antinoos wurde um das Jahr 110 in Bithynion (auch Claudiopolis) geboren, beim heutigen Bolu im Nordwesten der Türkei, damals eine römische Provinz. Hadrian traf ihn vermutlich auf einem offiziellen Besuch und nahm ihn als ständigen Begleiter mit.
Im Jahr 130 ertrank Antinoos auf einer Nilreise, beim heutigen Mallawi in Ägypten. Ob es ein Unfall, eine Selbsttötung oder ein Opfer war, wissen wir nicht; einer Überlieferung zufolge hatte ein Orakel vorausgesagt, der Kaiser werde durch das Opfer dessen gerettet, was er am meisten liebe. Hadrian war tief betrübt. Er gründete die Stadt Antinoupolis nahe der Stelle des Ertrinkens, erklärte Antinoos zum Gott und ehrte ihn am Himmel mit Sternen unter dem Adler, die zu keinem Sternbild gehört hatten.
Am Himmel
Ptolemäus nennt Antinoos im Almagest als Teil des Adlers, doch gehört er nicht zu den 48 klassischen griechischen Figuren. Er beschreibt sechs Sterne dritter bis fünfter Größe, die wir heute als Eta, Theta (der hellste, 3,2 mag), Delta, Iota, Kappa und Lambda Aquilae kennen.
Die erste bekannte Darstellung des Antinoos als Figur findet sich auf einem Himmelsglobus von Caspar Vopel von 1536; Mercator zeigte ihn 1551 erneut. Tycho Brahe führte ihn 1602 als eigenes Sternbild in seinem Katalog (mit nur drei Sternen), wodurch er auf viele spätere Karten kam.
Auf der Karte
Bayer ließ Antinoos in den Klauen des Adlers hängen, und Bode tat es auch; auf anderen Karten fliegt er frei, wie es einem jungen Gott ansteht. Hevelius gab ihm Pfeil und Bogen, vielleicht in Erinnerung an Hadrians Jagd auf einen Löwen in Libyen. Auf der Tafel neben diesem Text, aus Urania's Mirror (1825), hält er Bogen und Pfeile unter dem Adler.
Weil er unter dem Adler schwebt, wird er manchmal mit Ganymed verwechselt, der von einem Adler für Zeus entführt wurde. Ganymed wird jedoch durch den Wassermann dargestellt.
Warum verschwand er?
Antinoos blieb bis ins 19. Jahrhundert allgemein anerkannt. Danach wurden seine Sterne wieder mit Aquila vereint. Als die IAU 1922 die Liste der 88 Sternbilder festlegte, stand er nicht mehr darauf.
Was bleibt
Der hellste Stern des Antinoos, Theta Aquilae, erhielt 2024 von der IAU offiziell den Namen Antinous. Auf Bodes Karte ist der Stern an der Schulter des Antinoos als veränderlich gekennzeichnet: Das ist Eta Aquilae, einer der hellsten bekannten Cepheiden.
Verwandt
Quellen
- Ian Ridpath, Star Tales, Kapitel 4 ('Obsolete constellations'), mit einer Seite je Sternbild; dort finden sich auch die Verweise auf die ursprünglichen Atlanten. ianridpath.com/startales/antinous.html
- IAU Working Group on Star Names, über die Übersichtsliste auf exopla.net (Stand 22. September 2026), für die Sternnamen. exopla.net